COSIMA FILMTHEATER

Sieglindestraße 10
12159 Berlin
U- und S-Bahn Bundesplatz
Tel.: 030 / 667 02 828
Fax.: 030 / 667 02 827
Wir zeigen heute,
Montag, den 02.02.2026:


14:45 Cosima:
Arrow Die progressiven Nostalgiker

17:30 Cosima:
Arrow Vergesst mir meine Traudel nicht (1957)

20:15 Cosima:
Arrow Silent Friend

Wir empfehlen auch den Besuch unserer Nachbarkinos:
Pfeil Eva Lichtspiele
Pfeil Bundesplatz Kino

Triegel trifft Cranach - Malen im Widerstreit...

der Zeiten
...anlässlich des Bundesstart am Mittwoch, 11. Februar um 15:15 Uhr im Cosima !

Mittwoch 11.02.


Die Dokumentation von Paul Smaczny zeigt den Maler Michael Triegel und sein Auftragswerk: die Neugestaltung der zerstörten Mitteltafel des Altarbildes von Lucas Cranach im Naumburger Dom – ein filmischer Dialog zwischen dem Maler und seinem work in progress, das in einer jahrhundertealten Bildtradition steht und als Reflexion über die Verbindung von Kunst, Glauben und Geschichte sowohl die Vergangenheit als auch die Gegenwart widerspiegelt.

Über mehrere Jahre begleitet Regisseur Paul Smaczny den Maler Michael Triegel bei der Entstehung eines außergewöhnlichen Kunstwerks: der Neuschöpfung der verlorenen Mitteltafel das als Gemälde zum Marienaltar im Naumburger Dom gehörte, ein sogenanntes dreiflügeliges Altarretabel. Das von Lucas Cranach geschaffene originale Mittelteil von 1519, von dem es keine Abbildungen gibt, wurde während der Reformation zerstört, das Retabel blieb seitdem unvollständig, sein Platz am Marienaltar blieb leer. So die offizielle Diktion, wobei es noch weitere Vermutungen und Interpretationen gibt, die im Film aber nicht erwähnt werden. Triegels Auftrag ist aber schon deshalb nicht nur ein künstlerischer, sondern auch ein kulturhistorischer Balanceakt.

Der Film folgt chronologisch dem Entstehungsprozess des neuen Altarbildes. Smaczny zeigt die ersten Besichtigungen, er beobachtet, wie Triegel Maß nimmt, wie Skizzen entstehen, Farben angerührt werden und künstlerische Entscheidungen reifen, bis aus der Idee ein Gemälde wird. Dabei wird schnell deutlich, dass Triegels Malerei in den Techniken der Renaissance-Malerei und der „Alten Meister“ verwurzelt ist, zugleich aber von einer sehr heutigen Bildauffassung getragen wird. Das Bild wirkt auf den ersten Blick wie ein besonders gut erhaltenes Renaissancegemälde, angelehnt an Cranachs Stil, der sich unter anderem durch fein gezeichnete Gesichter und relativ grob gemalte Kleidung auszeichnet. Ein Marienbild mit Heiligen – eine typische „Sacra conversazione“ also, wie der Fachausdruck dafür lautet. Doch auf den zweiten Blick werden die aktuellen Anspielungen deutlich, zu denen die realistischen Porträts von Persönlichkeiten wie Dietrich Bonhoeffer, eines Rabbiners als Paulus oder eines Obdachlosen als Petrus gehören sowie einige weitere Heilige, die alle ziemlich unheilig und gegenwärtig aussehen. Und das ist natürlich Absicht, ebenso die relativ große Zahl von Frauen, was ungewöhnlich ist für ein Heiligenbild.

Zu dem, was ihn bewegt hat, als er das Bild konzipiert hat, kommt Michael Triegel ausführlich zu Wort. Er spricht über die kreativen und gedanklichen Prozesse, die ihn beschäftigt haben, und über seinen künstlerischen Anspruch: ein Bild zu schaffen, das den Bogen vom 16. Jahrhundert ins Heute spannt. Triegel, der neben Neo Rauch zu einem der wichtigsten Vertreter der „Neuen Leipziger Schule“ gehört und im altmeisterlichen Stil malt, reflektiert zudem über seine Vorbilder aus der italienischen Renaissance, gelegentlich auch über Glaubensfragen. Über Triegels Verbindung zu Cranach und seinem Werk ist leider kaum etwas zu erfahren, auch frühere Werke von Michael Triegel spielen keine Rolle. Doch wäre es ja auch interessant zu wissen, warum ausgerechnet Michael Triegel diesen Auftrag für ein kunsthistorisch so wichtiges Gemälde bekam, das nunmehr, nach seiner Vollendung, so viel Wirbel verursacht.

Neben dem Arbeitsprozess thematisiert der Film im letzten Drittel die Widerstände, die Triegels Werk seit seiner Fertigstellung begleiten. Die Debatte um das Gemälde, dessen Standort – nicht etwa wohl dessen Gestaltung – umstritten ist, hat aus im Film nicht näher bezeichneten Gründen eine seltsame Eigendynamik gewonnen. Offenbar könnte der Status des Naumburger Doms als UNESCO-Weltkulturerbe gefährdet sein, sofern das nunmehr wieder dank Mittelteil vollständige, dreiteilige Altarbild dort stünde, wo es eigentlich hingehört und ursprünglich seinen Standort hatte: am Marienaltar. Der Grund: Damit würde die Uta, das wohl bekannteste Stifterbild im Naumburger Dom, verdeckt werden. Nun ist zwar das Retabel wieder vollständig, alles könnte so aussehen wie zu seiner Entstehungszeit, aber seinerzeit wäre die Uta ebenfalls vom Eingang des Westflügels nicht sichtbar gewesen. Sie hat auf den Altar geschaut, genauer gesagt: auf die Rückseite des Mittelretabels, das Triegel ebenfalls neu gestaltet hat und das den auferstandenen Jesus als „Salvator mundi“ (Retter der Welt) zeigt, ebenfalls ein bekanntes Thema für Altarbilder. Die Diskussion über den Standort als Motiv für eine mögliche Aberkennung des Welterbe-Status hat etwas leicht Absurdes – ob nicht womöglich doch andere Gründe für die Ablehnung existieren? Und aus welcher Richtung kommen sie? Paul Smaczny hält sich zurück, ebenso der Künstler, was in seiner Situation nur zu verständlich ist. Er hat seinen Auftrag erfüllt, hat jahrelange Arbeit und Herzblut investiert. Gleich nach der Weihung wurde das Altarretabel wieder abgebaut, um das Welterbe nicht zu gefährden. Es wurde für zwei Jahre von einer Kirche in Rom „ausgeliehen“, eine Art Asyl, bis eine neue Lösung gefunden ist. Und die schöne Uta blickt sanft und kritisch von oben auf das Disaster…

Der Film positioniert sich nicht zu dieser merkwürdigen Auseinandersetzung, vielleicht aus Rücksicht auf die streitenden Parteien, sicherlich aber auch aus Zurückhaltung gegenüber dem Künstler, der mit viel Engagement seine Werkstatt und sein Herz für diesen Film geöffnet hat und dem diese Auseinandersetzungen nicht gleichgültig sein können. Wird hier womöglich mit anderen Mitteln ein Krieg wieder- oder weitergeführt, der seinerzeit die „Bilderstürmer“ der Reformation geleitet hat? – Eine Vertiefung dieser Problematik wäre sicherlich interessant, aber auch ohne dies zu thematisieren, lässt sich an diesem Film vortrefflich erkennen, dass und wie Kunst, Religion, Politik und Geschichte miteinander verbunden sind.

Gaby Sikorski (programmkino.de)





  • https://weltkino.de/filme/triegel-trifft-cranach-malen-im-widerstreit-der-zeiten